URBAN PRAYERS

Ursendung am 2. März 2014 auf BR 2, 15:00

Es spricht der Chor der gläubigen Bürger. Doch kaum fängt einer an zu reden, da fällt ihm der andere schon ins Wort. Der Chor findet keine gemeinsame Sprache und doch ist es ein Chor, der ein Gegenüber kennt: die Ungläubigen. Globalisierung, Migration und der gleichzeitige Verlust religiöser Bindungen haben aus unseren Städten Orte der religiösen und weltanschaulichen Vielheit gemacht. Muslime, Buddhisten, Hindus und Juden sowie christliche Glaubensgemeinschaften aus der ganzen Welt – Pfingstler, Evangelikale, Katholiken, Protestanten und Orthodoxe – machen unsere Städte zu religiösen Megacities. Welche Sprache versteht ihr Gott? Welche Kirchen, Gebetsräume, Tempel besuchen sie? Glauben die Menschen, dass ihr Glaube Privatsache ist? Glauben die Menschen, dass ihr Glaube politisch ist? Glauben die Menschen an die Freiheit der Anderen? Glauben die Menschen an eine bessere Welt? Wie beeinflussen sie das soziale und politische Leben der Stadt? Welche Erwartungen haben die Gläubigen an Demokratie und Rechtsstaat? Welche Erwartungen hat der Staat an sie? Aus einer langen Recherche im religiösen Leben Münchens ist ein Text entstanden, der für die Vielstimmigkeit des urbanen, religiösen Lebens einen ebenso poetischen wie politischen Resonanzraum geschaffen hat

EGZON

Ursendung 11.9.2011 und 12.09.2011, BR, Text und Regie. Musik: POLLYESTER

Noch vor ein paar Wochen ging Egzon in Deutschland zur Schule. Seine Schwester Elvira war frisch verliebt. Jetzt wohnen sie auf einer Müllkippe im Kosovo. Sie sind als Roma in Deutschland aufgewachsen und wurden in die Fremde abgeschoben. Nachdem die Bundesregierung 2010 mit dem neu gegründeten Staat Kosovo ein Rücknahmeabkommen geschlossen hat, sind Roma nicht länger geduldet. Das Hörspiel nimmt die Spur einer Roma-Familie auf. Egzon spricht nicht mehr, seit er mit vier Jahren während des Krieges in einer brennenden Siedlung zurückgelassen wurde. Und doch ist er es, der von dem neuen Leben im Kosovo erzählt. Und dann sind da die Stimmen derer, die zurückbleiben: der Anwalt, die Sachbearbeiterin von der Ausländerbehörde, der Arzt, die Lehrerin, die Abschiebebeobachterin. Alle versuchen zu verstehen, zu erklären, zu rechtfertigen. Das Hörspiel verarbeitet Interviews und Dokumente, Fiktion und Realität zu einem vielstimmigen Mix.

Im hörspielpool des BR kann man Egzon anhören.


POLLYESTER

Alle bleiben



KINGDOM OF SCHÖN

BR 2010, Text und Regie. Musik: POLLYESTER

Sie saugten, spritzten und schnitten. Sie verlegten Implantate in Brüste, Hintern und Gesichter. Sie strafften Bäuche, Wangen und Schenkel. Sie mussten wissen, was schön ist. Ihre Arbeitsmaterialien waren: Silikon, Botox und Hyaluron. Skalpell, Laser, Nadel und Faden. Sie arbeiteten viel. Ihre Patienten waren Männer und Frauen, Reiche, Arme, Gewinner, Verlierer, Prominente und Nicht-Prominente. Sie kämpften gegen das Altern. Sie kämpften gegen die Schwerkraft. Sie kämpften gegen die Konkurrenz. Sie verdienten viel Geld. Sie hatten nie frei. Sie waren Ärzte. Sie waren Unternehmer. Sie waren Künstler. Sie hatten wirklich viel zu tun: Die Schönheitschirurgen. Das Hörspiel, das auf vielen Gesprächen mit Ärztinnen und Ärzten basiert, behauptet eine nahe Zukunft und blickt von dort auf das Jetzt: Drei Schönheitschirurgen erzählen und singen hemmungslos von all den Operationen, die sie täglich durchgeführt haben, von den Menschen, die ihnen begegnet sind, von den verzweifelten und komischen Versuchen, die Leute tauglich zu machen für den Markt, dem voranschreitenden Verfall ihrer Körper mit chirurgischen Mitteln entgegenzutreten.

POLLYESTER



ILLEGAL

BR 2008, Text und Regie gemeinsam mit Peter Kastenmüller und Michael Graessner. Musik: Kamerakino

Geh nach der Arbeit sofort nach Hause. Sei in der Wohnung so ruhig wie möglich. Beschwere dich nicht über laute Nachbarn. Geh nicht bei Rot über die Straße. Fahre nie schwarz. Halte im Kaufhaus immer alle Quittungen bereit. Zahle immer Cash. Gibt dir jemand zu wenig Geld heraus, schluck es und mach kein Aufhebens.
So lauten ein paar Regeln, die man einhalten muss, wenn man eigentlich nicht dort sein darf, wo man lebt. Das Hörspiel nimmt die Spur illegalisierter Menschen auf, die sich im Alltag zumeist tadellos verhalten, damit sie nicht erkannt und abgeschoben werden. Sie machen sich unsichtbar. 40.000 bis 50.000 von ihnen leben ohne staatliche Erlaubnis allein in München. Sichtbar werden diese Menschen als Arbeitskräfte in der Gastronomie, in privaten Haushalten als Pflege- und Haushaltshilfen und als Sexarbeiterinnen. Illegalisierte Menschen und ihre Familien müssen ihren Alltag organisieren. Sie brauchen Arbeit, Wohnungen und ärztliche Versorgung. Ihre Kinder besuchen Schulen, haben Freunde. Dies alles muss im Verborgenen geschehen. Die Angst, jederzeit entdeckt und damit abgeschoben zu werden, bestimmt das Leben. Es handelt sich bei diesen Menschen und ihren Unterstützern um freie und kaum berechenbare Agenten heutiger, weltweiter Migrationsbewegungen. Sie wenden ein hohes Maß an Geld, Zeit, kreativer Energie und zähem Durchhaltevermögen auf, um hier ihren Traum vom besseren Leben verwirklichen zu können.

Das Hörspiel "Illegal" entstand parallel zu dem gleichnamigen Theaterprojekt, das im Juni 2008 im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele Premiere hatte.


 

Hauptschule der Freiheit6 Generation Aldi Occupy London November

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Cabinett Zeichnung Michael Graessner